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Was ist eigentlich eine Doku-Soap?

Der Name "Doku-Soap" setzt sich aus den beiden Begriffen "Dokumentation" und "Soap-Opera" (Seifenoper) zusammen. Eine Mischung aus beiden Begriffen ist auch tatsächlich das, was den Kern der Doku-Soap ausmacht: Es geht um die Darstellung von wirklichen Personen, Tieren, Dingen oder Begebenheiten (also Dokumentation) – allerdings mit dramaturgischen Mitteln, die denen einer Seifenoper (Soap) ähnlich sind. So werden oft mehrere Handlungsstränge gleichzeitig erzählt. Begebenheiten nicht einfach filmisch beobachten und darstellen, sondern möglichst interessant, lustig oder spannend zu erzählen, ist auch ein Kennzeichen von Soaps. Dass bei Doku-Soaps die Grenzen zwischen beobachteter Realität und Dazu-Erzähltem oder sogar Erfundenem nicht immer deutlich werden, gehört inzwischen einfach dazu.

Weil in einer Doku-Soap "echte", bis dahin unbekannte Menschen in ihrem Alltag gezeigt werden, können sich die Zuschauer gut mit ihnen identifizieren: Egal, ob die Zuschauer mit ihnen sympathisieren oder sich über sie aufregen – die Geschichten lassen sich oft prima mit dem eigenen Leben vergleichen. Aber genauso, wie sich die Geschmäcker und Interessen der Zuschauer ändern, entwickeln sich auch die Inhalte und die Machart der Doku-Soap weiter.

Vier Männer stehen an einem Auto; Rechte: Interfoto
Als Doku-Soap-Darsteller wurden auch die Ludolfs und ihr Schrottplatz berühmt.

Beispiele für Doku-Soaps sind "Die Wollnys – Eine schrecklich große Familie" (RTL II), "We Are Family! So lebt Deutschland" (ProSieben),
"Goodbye Deutschland! Die Auswanderer" (VOX), "Achtung Kontrolle! – Einsatz für die Ordnungshüter" (Kabel 1), "Die Fussbroichs" (WDR), genauso wie "Elefant, Tiger & Co." (MDR) oder "Dresdner Schnauzen" (ZDF).

Rückblick: So fing alles an

Ein Mann und eine Frau stehen im Wohnzimmer; Rechte: WDR
Die Fussbroichs - eine der ersten Doku-Soaps im deutschen Fernsehen.

"Die Fussbroichs" war eine der frühesten Doku-Soaps im deutschen Fernsehen. Von 1990 bis 2001 wurde der Alltag einer Kölner Familie in Serie gezeigt: Egal ob beim Abendessen, im Fitness-Studio, beim Friseur oder im Urlaub – Vater Fred, Mutter Annemie und Sohn Frank wurden in allen möglichen Lebenslagen mit der Kamera begleitet.

Unterhaltung in Serie

Charakteristisch für eine Doku-Soap ist aber nicht nur, dass sie das alltägliche Leben von "normalen" Menschen zeigt: Wie bei ihrer Namensgeberin, der Soap-Opera, handelt es sich dabei um eine unterhaltsame Fortsetzungsserie – Wiedererkennung garantiert. Die Kunst liegt also darin, die Alltagsgeschichten so zu erzählen, dass sie für den Zuschauer auch am Ende einer Folge spannend bleiben und Lust auf die nächste Folge machen. Dazu nutzen die Filmemacher ganz bestimmte filmische Mittel.

So wird's spannend

Eines dieser Mittel ist der "Cliffhanger": ein so genanntes "hängendes Ende". Der Cliffhanger soll die Zuschauer dazu bringen, beim nächsten Mal wieder einzuschalten: Entweder bricht eine Episode kurz vor einem Höhepunkt ab oder am Ende einer Episode wird eine kurze Szene gesetzt, die inhaltlich etwas Neues zeigt – in beiden Fällen wird Spannung erzeugt und Neugierde geweckt. Die Zuschauer wollen unbedingt wissen, wie es weiter geht.

Ein anderes Mittel um Spannung zu erzeugen ist es, eine unterhaltsame Vorschau auf die nächste Folge zu zeigen: Spannende Szenen aus der nächsten Folge werden dabei meistens schnell hintereinander geschnitten und mit peppiger Musik hinterlegt – schon wird man neugierig, wie sich das alles wohl zugetragen hat und schaltet beim nächsten Mal wieder ein.

Alles entwickelt sich weiter: Musik, Moderation, Off-Kommentar

Nicht nur die Handlung der einzelnen Folgen, auch die Doku-Soap als eigenes TV-Format wird von den Machern durch immer neue Ideen weiter entwickelt. So sieht man immer häufiger Doku-Soaps, in denen die gezeigte Handlung direkt auch kommentiert und bewertet wird. Das geschieht durch den Einsatz filmischer Mittel wie zum Beispiel Musik oder Off-Kommentare. Mit solchen Mitteln lassen sich verschiedene Erzählstränge besser voneinander unterscheiden: zum Beispiel, wenn eine bestimmte Person immer mit der gleichen Song im Hintergrund zu sehen und hören ist. Musik kann außerdem dazu dienen, das Gezeigte zu werten: Etwa, wenn zum Beispiel jemand (erfolglos) beim Schwimmen-Lernen gezeigt wird und gleichzeitig Xavier Naidoo singt: "Dieser Weg wird kein leichter sein". Off-Kommentare können die Zuschauer mit Hintergrundinformationen versorgen und für mehr Orientierung sorgen. So können zum Beispiel beim Wechsel zwischen zwei Handlungssträngen noch einmal die wichtigsten Informationen zusammengefasst werden. Sie können aber auch die Sicht der Zuschauer auf die gezeigten Dinge beeinflussen. Die Menge und die Art der Off-Kommentare geben Hinweise darauf, wie stark eine Doku-Soap inszeniert, also künstlich gestaltet ist. Bei den "Fussbroichs" gab es noch keinen Off-Kommentar – bei "We Are Family!" ist er nicht mehr wegzudenken.

Auch was gezeigt wird, ändert sich

Mehrere Kinder und ein Erwachsener in Steinzeitkleidung; Rechte: WDR
Für die Doku-Soap haben sich Erwachsene und Kinder als Steinzeitmenschen verkleidet.

Durchschnittliche Menschen im Alltag zu beobachten kann auf Dauer für die Zuschauer ganz schön langweilig sein. Das finden jedenfalls viele Fernsehmacher und zeigen immer häufiger durchschnittliche Menschen in außergewöhnlichen Situationen - zum Beispiel in Lebenskrisen, beim Auswandern oder in Wettbewerben.

Inzwischen gibt es Doku-Soaps über Erziehung ("Mein Kind, dein Kind – Wie erziehst du denn?", VOX), schwangere Teenager ("Teenie-Mütter - Wenn Kinder Kinder kriegen", RTL2) oder Familien-Experimente ("Frauentausch", RTL2; "Steinzeit – Das Experiment – Leben wie vor 5000 Jahren", SWR). 

Im Gegensatz zur klassischen Doku-Soap sind viele dieser Sendungen keine richtigen Fortsetzungen: Jede Episode ist in sich abgeschlossen – es kommen also immer neue Hauptpersonen ins Spiel. Was gleich bleibt, ist aber immer das "Strickmuster" der Sendung.

Künstliche Welten und inszenierte Wirklichkeit

Besonders beliebt sind Sendungen, in denen die Hauptperson einer künstlichen Extremsituation ausgesetzt werden. So lässt sich besonders viel Spannung und Zündstoff erzeugen – und manchmal erfahren die Zuschauer auch Wissenswertes.

Im Jahr 2006 wurde zum Beispiel das Projekt "Steinzeit – Das Experiment" produziert, in dem 13 Personen versuchten, genauso zu leben wie Menschen in der Steinzeit – darunter zwei Familien mit insgesamt sechs Kindern. Acht Wochen begleiteten die Kameras sie in ihrem Steinzeit-Alltag. Es gab Probleme mit der Getreide-Ernte und zu wenig zu essen – und nicht jeder aus der Steinzeit-Sippe kam mit der Extremsituation gleich gut zurecht ...

Auf den ersten Blick nicht ganz so extrem geht es bei "Frauentausch" zu: Hier tauschen zwei Familien untereinander ihre Mütter. Doch schon beim Casting wird ganz bewusst darauf geachtet, dass möglichst gegensätzliche Tauschfamilien zusammen treffen: Eine sehr ordentliche Mutter kommt in eine besonders chaotische Familie, die Villen-Bewohnerin muss in einer Mini-Wohnung zurechtkommen oder die Mutter von mehreren selbstständigen Kindern trifft auf ein verwöhntes Einzelkind. Wer kommt besser zurecht? Wen finden die Zuschauer dabei besonders sympathisch oder unsympathisch? Dokumentarisch an der Serie ist, dass es sich um reale Menschen und reale Schauplätze handelt – die Familien und die gezeigten Privat-Wohnungen gibt es tatsächlich. Wie real sind aber die gezeigten Konflikte? Sie werden zum Teil durch Regieanweisungen geschürt – das behaupten zumindest einige der Frauentausch-Teilnehmer. Und sie werden zum Teil in der Nachbearbeitung zugespitzt: Wenn zum Beispiel über dem Kopf der Teenager-Tochter eine Comic-Denkblase "Blablabla" oder "Kannst du nicht deine Familie volllabern?" schwebt, während sie sich gerade mit ihrer Tauschmutter streitet, dann wirkt entweder die Tauschmutter lächerlich oder die Tochter respektlos.

Klar ist, dass sich in jeder Doku-Soap die Realität durch den Zusammenschnitt des Drehmaterials, durch Off-Kommentare oder durch Ton- und Grafik-Effekte mehr oder weniger stark beeinflussen lässt. Auch beim Steinzeit-Experiment wurde mit Off-Kommentaren gearbeitet und ein Gespräch zwischen den Vätern über die Ernte im Vorfeld als Streit angekündigt. Klar ist auch, dass die Sender immer wieder neue Doku-Soaps entwickeln, um das Interesse der Zuschauer zu halten oder neu zu gewinnen. Die Frage ist, ob die Zuschauer dabei noch erkennen können, wie viel Dokumentarisches in einer Doku-Soap steckt.


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