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Casting-Shows

Talente aus dem "echten" Leben

Wer träumt nicht davon, einmal als Star auf einer Bühne zu stehen? Aber nicht jeder hat das Talent oder das Glück, gleich von der Straße weg entdeckt zu werden. Viel einfacher erscheint der Weg ins Rampenlicht über eine Casting-Show. Casting-Shows zählen zu den Reality Shows, weil sich hier "normale" Menschen einer Herausforderung stellen – nämlich als Sänger, Entertainer oder Model erfolgreich zu werden. Ihre Erlebnisse beim Casting - manchmal auch sogar davor und danach - werden dabei von der Kamera verfolgt.

Lena Meyer-Landrut mit dem Eurovision-Song-Contest-Pokal; Rechte: ddp, Nigel Treblin
Geschafft! Lena Meyer-Landrut gewinnt 2010 den Eurovision Song Contest.

Bekannte Casting-Shows sind beispielsweise "Deutschland sucht den Superstar" (DSDS), "Germany's next Topmodel" (GNTM) oder "Das Supertalent". Die Grundidee ist immer ähnlich: Wer sich bei einem Vorentscheid durchsetzt, darf sein Können einer Jury zeigen, die meist prominent besetzt ist. Die für die Show ausgewählten Kandidaten müssen im Laufe der Folgen Aufgaben bewältigen und sich gegen ihre Mitstreiter durchsetzen. Wer schlecht abschneidet, fliegt raus - bis am Ende ein Kandidat übrig bleibt. Manchmal dürfen auch die Zuschauer entscheiden, wer weiterkommen soll. Eine der bekanntesten Siegerinnen einer Casting Show hierzulande ist Lena Meyer-Landrut. Sie gewann nicht nur den deutschen Vorentscheid "Unser Star für Oslo", sondern 2010 dann tatsächlich auch den Eurovision Song Contest. Los ging es mit den Casting-Shows aber schon viel früher...

Neue Sänger braucht das Land

Die "No Angels" auf der Bühne; Rechte: dpa, Ullrich Perrey
Erfolgreich gecastet: die "No Angels".

Eine der ersten Casting-Shows im deutschen Fernsehen war die Sendung "Popstars". Das Ursprungskonzept stammt aus Neuseeland. Nachdem die Sendung dort und in Australien sehr erfolgreich war, kaufte der Sender RTL2 die Lizenzrechte und strahlte im Jahr 2000 eine deutsche Variante aus. In "Popstars" geht es darum, eine Popband zu casten. Zu dieser Zeit war die englische Gruppe "Spice Girls" sehr beliebt - und nun wollte der Sender für Deutschland eine ähnliche Truppe zusammenstellen. Die Rechnung ging auf. Über 4.500 Laien-Sängerinnen ab 18 Jahren meldeten sich. Nach einem bestandenen Vorsingen und einem erfolgreichen "Recall" durften 32 Ausgewählte zu einem Workshop nach Mallorca reisen, wo sie professionellen Unterricht in Gesang und Tanz bekamen. Nach insgesamt 15 Folgen standen die fünf Siegerinnen fest: Die Girl-Group "No Angels" war geboren. Durchschnittlich hatten 1,8 Millionen Menschen vor dem Fernseher ihren Aufstieg von Hobby-Sängerinnen zu Popstars verfolgt. Und nicht nur die Sendung war erfolgreich. Ihre erste Platte "Elle'ments" vom März 2001 landete auf Platz 1 der Hitparaden in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Porträtaufnahme von Dieter Bohlen; Rechte: ddp, Hermann J. Knippertz
Wahnsinnig witzig oder gnadenlos gemein? Dieter Bohlen nimmt kein Blatt vor den Mund.

Aufgrund des großen Erfolgs dieser ersten Casting-Show legten verschiedene Sendeanstalten nach und entwickelten jeweils eigene Konzepte. Besonders erfolgreich ist die Casting-Show "Deutschland sucht den Superstar", die seit 2002 ausgestrahlt wird (2017: 14. Staffel). Ein wesentlicher Erfolg der Sendung liegt jedoch weniger in den ausgewählten Kandidaten, als beim Chef der Jury: Die bissigen und ironischen Statements von Dieter Bohlen, mit denen er die weniger talentierten Kandidaten vor laufender Kamera kommentiert, werden auch in anderen Medien immer wieder gerne zitiert. So zum Beispiel der Spruch: "Ein Hasenfurz hat mehr Power als deine Stimme". Oft schalten die Zuschauer nur deswegen ein. An viele Teilnehmer oder sogar Gewinner der frühen Staffeln erinnert sich heute kaum noch jemand. Als Musiker haben die meisten "Superstars" keine Karriere gemacht. Eine Ausnahme ist zum Beispiel Alexanders Klaws, der mittlerweile Rollen in Musicals übernimmt. 

Einen etwas anderen Weg beschritt Stefan Raab mit seiner Show "SSDSGPS" (Stefan sucht den Super-Grand-Prix-Star), die im Titel ironisch auf "Deutschland sucht den Superstar" anspielt. Ansonsten wird hier aber stärker auf die musikalischen Qualitäten der Kandidaten als auf Jury-Verrisse gesetzt. Ihre Gewinner schickt die Show zum deutschen Vorentscheid des Eurovision Song Contest. Dafür gab es 2005 sogar den Adolf-Grimme-Preis - das ist der wichtigste deutsche Fernsehpreis.

Die Jurymitglieder von "The Voice of Germany" mit ihrem Produzenten John de Mol; Rechte: ddp, Maurizio Gambari
Ist ganz Ohr - die Jury von "The Voice of Germany".

Wert auf das Gesangstalent der Kandidaten setzt auch die Casting-Show "The Voice of Germany", die seit 2011 bei Sat1 und Pro7 läuft. Hier sollen die Gesangskünste der Kandidaten im Fokus stehen, sonst nichts. In sogenannten "Blind Auditions" (auf deutsch etwa: blinde Hörproben) sitzt die Jury – bestehend aus erfolgreichen Künstlern – mit dem Rücken zur Bühne und wählt ihre Favoriten einzig und allein anhand ihrer Stimme aus. Allerdings haben viele der Kandidaten bereits Bühnenerfahrung gesammelt und sind damit keine Laien mehr.

Bretter, die die Welt bedeuten

Heidi Klum liegt vor dem Logo von "Germany's Next Topmodel"; Rechte: ddp, Henning Kaiser
Kritische Jurorin und knallharte Geschäftsfrau: Heidi Klum.

Vor allem bei jungen Mädchen sehr beliebt ist Heidi Klums Casting-Show "Germany's Next Topmodel". Die Bewerberinnen müssen in verschiedenen Aufgaben ihr (Model-)Talent unter Beweis stellen und insbesondere die "Jury-Chefin" Heidi Klum spart nicht mit harten Worten. Oft brechen die Mädchen vor laufender Kamera in Tränen aus. Trotzdem (oder gerade deswegen?) verfolgten rund 2,75 Millionen Menschen die erste Staffel im Jahr 2006. Anfang 2017 kam die zwölfte Staffel ins Fernsehen. Mittlerweile sind auch Transgender-Models unter den Kandidatinnen. Was allerdings immer wieder kritisiert wird: Dass die Aufgaben nicht unbedingt etwas mit dem ersehnten Berufsziel zu tun haben, denn bei einem Fotoshooting müssen Models keine Kakerlaken, Spinnen, Bienen oder andere Insekten auf sich herumkrabbeln lassen - bei GNTM aber schon. Außerdem werden teilweise sehr freizügige Fotos der Kandidatinnen gemacht. Auch stehen die Verträge, die die Kandidatinnen unterschreiben müssen, immer wieder in der Kritik.

Wer schaut Casting-Shows und warum?

Bei einer großen Studie fand man heraus, dass es den Zuschauern zwischen 12 und 17 Jahren vor allem um Unterhaltung, Spaß und Spannung geht, aber auch um die typischen Merkmale der Sendungen: den Wettkampfcharakter und die vielen Identifikationsmöglichkeiten wie Aussehen, Verhalten oder Outfit der Kandidaten. Casting-Shows vermitteln den Zuschauern den Eindruck: Das könntest auch du sein, der hier im Scheinwerferlicht steht. Trotzdem schauen Mädchen und Jungen häufig aus unterschiedlichen Gründen zu. Mädchen wollen vor allem wissen, wie es weiter geht, wer rausfliegt oder wer weiterkommt. Jungen schauen sich die Sendungen eher an, weil sie sich über die Kandidaten lustig machen können. Was beiden Gruppen gemeinsam ist: Anschließend kann man "mitreden" und sich über die peinlichen oder gelungenen Szenen unterhalten – fast so, als ob man über gemeinsame Freunde spricht.

Ein publikumswirksamer Genre-Mix

Weil die Formate so erfolgreich sind, laufen sie zu den besten Sendezeiten, erzielen hohe Werbeeinnahmen in den Pausen und werden in allen wichtigen Medien, wie Zeitungen, Magazinen, Radio und Fernsehen besprochen. Einige Casting Shows bieten eine ganze Reihe an Merchandise-Artikeln und verlegen sogar selbst eigene Magazine oder strahlen zusätzliche Motto-Shows aus. Die sogenannten Cross-Media-Promotions bringen den Sendern eine Menge Geld ein, schaffen eine hohe Aufmerksamkeit und sorgen dafür, dass die Sendungen zu einem alltäglichen Gesprächsthema werden.

Die Finalistinnen Jana Beller und Rebecca Mir vor der Jury; Rechte: ddp, Christian Langbehn
Glaubt man der Berichterstattung, dann haben auch Finalistinnen so ihre Macken ...

Damit die Castings noch etwas unterhaltsamer werden und nicht nur die Wettkämpfe zeigen, werfen viele Sendungen auch einen "Blick hinter die Kulissen". So haben die Zuschauer das Gefühl, dass sie die Kandidaten näher kennen lernen. In kurzen Sequenzen werden die Kandidaten, ihre Freunde oder ihre Familie interviewt, ihre Freundschaften zu Mitkonkurrenten genauso gezeigt wie ihre Streitigkeiten (zum Beispiel die "Zickenkriege" bei "Germany's Next Topmodel)". Bei diesen "Berichterstattungen" rund um die eigentlichen Castings werden die gestalterischen und filmischen Mittel von Dokumentationen genutzt. Die Interviews zum Beispiel und auch die emotionalen Szenen kurz vor oder nach den Castings vermitteln den Zuschauer den Eindruck, dass alles "echt" und "unmittelbar" ist. Es finden sich aber auch Elemente von Doku-Soaps wieder: Denn schließlich kommen die Zuschauer ihren Favoriten mit jeder Folge etwas näher und verfolgen deren "Geschichte" immer weiter - zum Beispiel von der ungeschickten, eher schüchternen Schülerin zur souveränen Laufsteg-Queen bei GNTM. Durch den geschickten Einsatz von Musik werden dabei spannende, traurige oder lustige Entwicklungen inszeniert. Damit rücken Casting-Shows auch in die Nähe der Scripted-Reality-Formate, wo so getan wird, als verliefen die Geschehnisse spontan, obwohl die Handlungen künstlich zugespitzt oder übertrieben werden und nach Drehbuch verlaufen. Es lohnt sich also, öfter auch einmal etwas genauer hinzuschauen und hinzuhören!


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